Die Bäume von Bibliacta

Die Welt der Bücher in der Bibliothek von Bibliacta hatte sich verändert. Die Schritte waren selten geworden. Stille zog ein. Schwerer als die Staubschicht lag die Schwermut auf den Büchern. „Wenn man uns hier nicht mehr braucht, braucht uns keiner mehr“, sagte ein dickes blaues Buch. Die anderen seufzten zustimmend. Doch das Buch mit dem dunkelroten Einband widersprach. Tief in sich fühlte es das Leben pulsieren.

„Wir bestehen nicht nur aus Papier und Tinte, sondern aus Gedanken und Fantasie“, sagte es zu den anderen. Durchströhmt von der Energie seiner eigenen Geschichte, schwebte es mühelos aus dem Regal und zur Tür hinaus.

In einer Seitengasse begegneten ihm drei seltsame Gestalten. Wie Bücher sahen sie aus, nur dünner und biegsamer. Eines der Wesen war gelb, eines grün und eines blau. Sie schwebten nicht, sondern krochen über den Boden.

„Wer seid ihr?“, fragte das Buch neugierig.

„Wir sind Akten“, erklärte die gelbe Mappe mit wichtigtuerischer Miene.

„Komprimierte Lebensgeschichten“, erläuterte die grüne.

„Die wahren Herrscher der Ämter“, prahlte die blaue.

„Komm, wir zeigen dir unser Zuhause“. Sie nahmen das Buch in ihre Mitte und machten sich auf den Weg. Sie schlüpften durch Türen und erklommen Treppen bis sie schließlich in einem großen Büro anlangten.

Staunend sah das Buch sich um. Der Raum wirkte sauber und strukturiert, aber irgendwie farblos. Kälte strahlte von den weißen Wänden. Fröstelnd raschelte das Buch mit seinen Seiten.

„Hier gefällt es mir nicht“, sagte es zu den Akten. „Ich werde wieder gehen“. Es drehte sich zur Tür, doch die blaue Akte versperrte ihm den Weg.

„Ich werde gehen“, wiederholte das Buch irritiert.

„Das glaube ich nicht“, erwiderte die blaue Mappe ruhig.

„Ich auch nicht“, sagte die Gelbe dicht neben ihm.

„Und ich noch weniger“ kommentierte die Grüne in seinem Rücken.

Das Buch schaute ängstlich von einer Mappe zur anderen.

„Aber…warum nicht?“, stammelte es.

„So steht es in den GAfA“, antwortete die Gelbe.

„Gesammelte Anweisungen für Akten“, ergänzte die Blaue.

„Wir halten uns nur an die Vorschriften“, erklärte die Grüne und dozierte monoton „Paragraph 318: Sollte es absichtlich oder versehentlich zu einem Kontakt mit einem Exemplar aus der Familie der Bücher oder bücherähnlichen Lebensformen kommen…“

Und die Gelbe ergänzte: „… so ist dieses unverzüglich und vollständig zu eliminieren“

„Eli-was?“, fragte das Buch.

„Mit solchen Details können wir uns jetzt nicht aufhalten“, knurrte die grüne Mappe ungeduldig.

„Nimm es nicht persönlich“, sagte die Gelbe. „Du bist halt ein Opfer des großen Kampfes zwischen Büchern und Akten“

„Bürokratie und Leidenschaft“, tönte die Grüne.

„Fakten und Fiktioooooon!“, schrie die Blaue mit heller schneidender Stimme. Den letzten Ton hielt sie lange an. Während er durch das Zimmer hallte, flatterten Papiere aus den drei Mappen und begannen, das Buch zu umkreisen. Mit jeder Runde, die sie drehten, rollten sie sich ein bisschen enger zusammen, bis sie zu schmalen spitzen Rollen geworden waren. Plötzlich trug jede Papierrolle eine scharfe silberne Spitze. Immer schneller und enger flogen die Papiere um das Buch herum. Es wimmerte vor Angst.

Mit einem langgezogenen „N“ ließ die blaue Akte die Silbe verhallen. Sofort wandten sich alle Papierpfeile zur Mitte, die silbernen Spitzen gegen das Buch gerichtet. Es stieß einen verzweifelten Schrei aus. Dann wurde es von allen Seiten von Pfeilen durchbohrt. Leblos brach es zusammen. Schwarze Flüssigkeit spritzte aus den Seiten.

„Das wäre erledigt“, sagte die grüne Mappe. „Zeit für die Mittagspause“

Später kamen die Akten zurück, um die Überreste des Buches zu beseitigen. Die schwarze Flüssigkeit war zu kleinen Krümeln getrocknet. Die blaue Akte kehrte sie zusammen, öffnete das Fenster und kippte sie hinaus. Der Wind erfasste die Körnchen und wehte sie auf den Rasen. Dort gruben die Samenkörner des dunkelroten Buches kleine Wurzeln ins Erdreich und schickten ihre ersten zarten Triebe dem Tageslicht entgegen.

Ein paar Jahre später waren auf der Wiese vor dem Amtsgebäude Bäume gewachsen. Glänzende dunkelrote Früchte prangten an ihren Zweigen. Alle, die ihre Zähne in das weiche Fruchtfleisch schlugen und den süßen Saft auf der Zunge schmeckten, spürten eine merkwürdige Veränderung mit sich vorgehen. Das Blut rauschte mit neuer jugendlicher Kraft durch ihre Adern und ihr Kopf wurde mit einem Schlag von Phantasien und kindlichen Ideen bevölkert. Schon bald vergaßen sie die Angst vor fremden Blicken und fehlenden Papieren und gaben sich unbekümmert den Träumen ihrer Kindheit hin.

Ein Mann spielte Fußball mit einer leeren Coladose. Eine Frau begann auf offener Straße laut und falsch zu singen. Ein Teeniemädel mit grün gefärbten Haaren strich sanft mit dem Zeigefinger über eine Blüte. Ein alter Mann focht mit seinem Gehstock ein ruhmreiches Lanzenduell gegen seinen eigenen Schatten.

So schenkten die Bäume von Bibliacta jedem, der von ihren Früchten kostete, die Kraft der Fantasie zurück.